Robert Christott

Ölbäume in Deutschland

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Ich habe mir auf Eintages-Abstecher in die Heimat schnell die aktuelle "Deutsche Bühne" für den Flieger mitgenommen (noch 2 Shows Macbeth (ich bin der weiße Clown hinten in der Mitte) am Freitag & Sonntag, dann driving home for christmas).

Das Titelthema "Euro – Krisen – Theater" ist natürlich per se spannend und wie auch schon bei der wöchentlichen ZEIT-Lektüre kann ichs kaum noch sehen. Aber dann bin ich auf einen Artikel über die Lage der italienischen Musiktheater gestoßen. Wie passend.

Es geht um die "Hiobsbotschaften zur finanziellen Situation der so genannten "Ölbaumländer'… " – also Griechenland und nun Italien. Da heißt es, der italienische Staat gebe nur 0,3 % des BIP für Kultur aus. Diese aber erwirtschafte 6,8 % des BIP. Wenn ich das lese denke ich "mein Gott ist das wenig, wie gut geht´s uns doch in Deutschland!".

Aber die Recherche bei der Bundeszentrale für politische Bildung hat mich dann doch etwas ernüchtert. Zwar liegen keine aktuellen Zahlen vor, die Lage heute wird aber kaum besser sein als 2007. Damals lagen die Staatsausgaben für Kultur in Deutschland bei 8,14 Mrd. Euro. Das waren 1,6 % des Bundeshaushaltes und gerade mal 0,34 % des deutschen BIP.

Wir stehen also nicht besser da als Italien.

In dem Artikel erfahre ich dann auch, dass die Oper Rom – mein derzeitiger Arbeitgeber – unter "staatliche Sonderverwaltung" gestellt wurde und ein "Einheitsfond für die Veranstaltungskünste" (auf italienisch FUS) eingerichtet wurde, weil die finanzielle Lage derart prekär sei. Warum? Laut Deutsche Bühne gehören "die Gehälter und onorare, die den Künstlern an italienischen Opernhäusern gezahlt werden, zu den höchsten überhaupt".

Maestro Riccardo Muti, Chef der Oper Rom ehrenhalber und auf Lebenszeit, hat die Kürzungen des italienischen Staates für die Kultur bei der "Nabucco"-Premiere Anfang des Jahres in Rom so kommentiert: " Bei seinem Debut 1842 wurde 'Nabucco' als patriotische Oper gesehen, die auf die Einheit und Identität Italiens zielte. Ich möchte nicht, dass sie heute, am 12. März 2011, zur Begräbnishymne für die Kultur und die Musik wird." Hier könnt Ihr Euch den Maestro ansehen: YouTube.

Und hier sind die Hintergrundinfos.

Wo sind die deutschen Riccardo Mutis?

Gelesen, was Stephan Kimmig als Dankesrede für den "Faust" gesagt hat? Ich bin weder in einem Ensemble noch war ich je fest angestellt, aber seine Rede ist wirklich lesenswert. Steht auch in der Deutschen Bühne.

Bravo.

Umbau

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Spannend, was so eine Wiederaufnahme in einer fremden Stadt und auf einer fremden und neuen – und vor allem viel kleineren – Bühne so alles abverlangt. Die Umsetzung des Salzburger "Macbeth" von Peter Stein und Riccardo Muti auf der Bühne der Oper Rom ist aus vielerlei Hinsichten gewöhnungsbedürftig.

Als Hexen haben wir drei Schauspieler in dieser Opernproduktion ein aufwändiges Latexkostüm mit falschen Nasen, Stirnen, Haaren und Brüsten an. Dazu kommt ein gefühlte 20 Kilo schwerer Umhang mit Kapuze, der nicht zu knapp hinter uns über den Boden schleift. In Salzburg hatten wir die volle Breite von knapp 50 Metern Bühne zur Verfügung. In Rom ist das etwa ein Drittel. Auch ist der Boden ganz anders beschaffen. Der Salzburger Filzboden war wunderbar griffig – vor allem war die Oberfläche nach 4 Wochen Proben ganz prima pillig. Von der Rampe stieg ein Hügel hinauf zu unserem Hexenkessel, um den wir dann schön mit viel Platz einen Sabbat gefeiert haben.

In Rom nun haben wir es mit einer glatten Schräge von 20% zu tun, die Tugenden verlangt, die so manches Deichschaf nicht erfüllt. Der größte Knaller aber ist der Chor. Die Hexen sind bei Verdi ja eigentlich 45 Frauen. Das sind sie auch immernoch – nur hat sich der Regisseur uns drei Schauspieler-Hexen einfallen lassen, um die Vorgänge plastischer zu gestalten. In Salzburg hielt sich der Chor entweder im Hintergrund auf, oder war (als Wald, Gebüsch oder lebendes Gestrüpp kostümiert) um uns herum großzügig arrangiert.

Der Chor der Römischen Oper hat in seiner Stärke nichts eingebüßt – wohl aber der Platz. Ergo laufen wir mit unseren wallenden Kostümen zwischen den Choristinnen hindurch und wenn es sein muss über sie hinweg, dass es eine Freude ist. Wenn sich der Boden für den Hexenkessel öffnet wird es ein sprichwörtlicher Tanz auf dem Vulkan(-Rand).

Aber das tolle an der ganzen Chose: die Qualität aller Beteiligten zeigt sich genau hier. Der Stagemanager ist ein absoluter Voll-Vo–Voll-Profi und führt uns über alle Unwägbarkeiten hinweg, der Chor ist eine Schar wunderbar ausgeflippter toller SängerInnen, die Spaß an derart Gebastel haben, Bühnenbild, Ausstattung, natürlich Regie und musikalische Leitung sind weltklasse im Wortsinne und daher geht natürlich alles mit ein bisschen Proben auf, und Lernfähigkeit wird belohnt.

A propos Proben: Das ist wohl so ein Wiederaufnahme-in-der-Oper-Phänomen: Wir haben nicht viel Zeit, Dinge mehr zu entwickeln. Anpassung ist oberstes Gebot. Daher müssen wir in kürzester Zeit mit den neuen Bedingungen klar kommen, denn die Zeit ist dermaßen prall mit Proben (nicht für uns, aber für alle, daher ist die Bühne immer in Beschlag), und eigene Proben für die Gänge auf neuem Boden sind kaum mehr drin. Also unter Hochdruck die Eigenheiten abspeichern, daheim durchdenken und bei der nächsten Probe direkt umsetzen. Sportlich, ja, aber auch toll und ein bisschen verantwortungsvoll. Und wenn man sieht (wir sitzen oft bei den Proben drin) wie vor allem die neuen Solisten perfekt vorbereitet auf die erste Probe stiefeln, dann kann man nur lernen. Die best bezahlte Regie-Hospitanz, die man sich wünschen kann.

Ich freu mich auf die Premiere am 27.11. und auf das was bis dahin noch kommen mag. Den politischen Wechsel bekommen wir hier ja hautnah mit, und immerhin wird zum Premierenabend der Staatspräsident in der Königsloge dieses wundervollen Operntheaters erwartet.

tempus fugit

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für Berlusconi. Heute, genauer gesagt seit 15 Minuten muss er seinen Haushalt 2010 ein weiteres mal vor dem Parlament verteidigen. Der erste Gang war eine Schlappe – und heute stehen die Zeichen noch schlechter für den "cavaliere". Er hat keine Parlamentsmehrheit mehr und alle wollen ihn weg haben, sogar sein Koalitionspartner. Seit gestern läuft das Gerücht eines schnellen Rücktrittes Berlusconis durch Rom, und ich bin gespannt was die kommenden Stunden ergeben.

Wir hatten heute Probe mit den Chordamen. 45 Hexen und wir drei Schlossgespenster müssen uns auf einer Bühne zurechtfinden, die viel kleiner ist als in Salzburg. Es knirscht aber läuft dafür ganz ok. Die Damen sind spitze! Unprätentiös, lustig, vollblutitalienisch. So eine Wieder- bzw. Neuaufnahme hat wirklich den Vorteil, dass wir wissen was zu tun ist. Das entspannt und man hat einen ganz anderen Blick nach außen als bei den Proben im Sommer.

Nach der Probe den Opernchef wiedergesehen und herzlich begrüßt worden. Er hatte vor 3 Monaten in Salzburg mit uns die Konditionen ausgetüftelt, um das Gastspiel möglich zu machen. Toller Typ. Dann Mittagessen in der Kantine und das Theatro Dell´Opera mal von innen gesehen. UN-GLAUB-LICH! Ein Prunkbau wie aus dem Bilderbuch.

Die Büroleiterin hat uns erklärt, dass die Oper mit der Untermaschinerie und den Katakomben von anno dazumal arbeiten muss. Fände man bei eventuellen Renovierungen oder gar Neubauten auch nur ein kleines römisches Relikt, so stände der ganze Apparat für Ausgrabungen still. Das kann hier keiner riskieren.

Sitze im Hostel und checke gleich mal die News wegen Berlusconi. Draußen gehen Gewittergüsse nieder, die Stadt ist düster, nass und herrlich pathetisch. Passt zur Politik und passt zu Macbeth. Hoffen wir mal, dass der kleine Mann nicht zu einer unserer Vorstellungen kommen kann – und wenn dann als Rentner.

hex hex

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Also Rom. Verdis Macbeth in der Inszenierung von Peter Stein, neu inszeniert für die Salzburger Festspiele diesen Sommer, spielt in der ewigen Stadt auf. Das Teatro Dell´Opera Roma hat die Show gekauft – und wir sind mit dabei. Wir, die Hexen.

Gestern sind wir angereist und heute dann die erste Wiederaufnahmeprobe. Es ist in sofern eine spannende Probenphase, weil wir einen komplett neuen Raum bespielen. Die Bühne der Salzburger Felsenreitschule ist fast 50 Meter breit und 15 Meter tief. Das für dortige Verhältnisse gebaute Arrangement schrumpft also nun auf die immer noch großzügigen aber im Vergleich mit Salzburg um fast 2 Drittel reduzierten Maße der Opera Roma.

Für uns Hexen hieß das heute: rein in die tonnenschweren Hexenmäntel und rauf auf die Bühne, Gänge kürzen, Achsen wechseln und sich dabei vorstellen, dass dazu noch 50 Chorfrauen um uns herumwuseln. Die kommen dann morgen dazu. Stein hatte aus dem Chor einen lebenden Wald von Birna gebaut. Bei Verdi singen die Chordamen den Hexenpart, den wir drei Schauspieler nun bebildern – als Maxi-Playbackshow sozusagen.

Es ändert sich eine Menge im Vergleich zum Sommer. Viele Solisten waren bei Abschluss der Gastspielverhandlungen bereits anderswo verpflichtet, außerdem stellt das Opernhaus den eigenen Chor (in Salzburg sang die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor), und das Orchester (dort: Wiener Philharmoniker) ist hier ebenso vom Haus, von den Statisten und kleinen Rollen mal ganz abgesehen.

Ich habe das tolle Opernhaus noch nicht von innen gesehen. Wir proben auf der Bühne des Nationaltheaters, in direkter Nachbarschaft. Die Hexen heißen auf italienisch „strege“. Und passender weise ist das Café vis a vis von der Probenbühne das Café Strege. Welcher Ort könnte besser geeignet sein, um sich vor der Probe einen Kaffee reinzuziehen und die Erkenntnis sacken zu lassen: Rom. Stein. Macbeth.

Ich freu mich auf die Proben. Premiere wir am 27.11. sein, letzte Vorstellung am 11. Dezember.

Rom verhext

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Es geht auf die Reise.

Nach der großen Hexensause in Salzburg gehen wir mit Verdis Macbeth an die Oper Rom.

Volker Wahl, Stephan Schäfer und Robert Christott als Hexen in Macbeth von Verdi, Regie Peter Stein

Und daheim? Läuft die 12. Staffel von "Room Service im Kunsthaus Rhenania am Rheinauhafen in Köln und direkt im Anschluss "between.com" am gleichen Ort. Bei RS laufen dieses mal drei Räume, die ich inhaltlich und textlich verantworte. "between.com" ist der dritte und letzte Teil einer Tanz-Theater-Serie, die ich zusammen mit Gregor Weber gebastelt habe. Alle Infos hier.

Reise ohne Ziel

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Das "Theater Der Keller" Köln zeigt „Bist Du schon auf der Sonne gewesen?“ von Anja Schöne.

Ohne Worte beginnt die Produktion für Kinder ab sechs Jahren im Theater der Keller. Auf der Bühne stehen Koffer: vom klobigen Übersee-Modell bis zum Köfferchen für eine Nacht. Es geht ums Reisen. Kaum ist das Licht im Zuschauerraum erloschen kommt Leben in die Utensilien: eine Schauspielerin (Kerstin Kramer) und eine Tänzerin (Anna Städler) schlüpfen aus den Koffern auf die Bühne. In silbrig-weißen Trikots (Ausstattung Anita Könning) sehen sie aus wie süße Aliens, die sich im Planeten geirrt haben. „Ham! Ham! Ham-burg!“ stammelt eine , und verspeist dabei ein imaginäres Insekt, das sie mit einer bunten Fliegenklatsche erlegt hat.

Damit nimmt ein dadaistisch-surrealer Nachmittag seinen Lauf, der die jungen Zuschauer in den Sprachkosmos des Joachim Ringelnatz mitnehmen möchte. Ausgangspunkt ist dessen vielleicht bekanntestes Gedicht „Die Ameisen“: „In Hamburg lebten zwei Ameisen / Die wollten nach Australien reisen / Bei Altona auf der Chaussee / Da taten ihnen die Beine weh / Und da verzichteten sie weise / Dann auf den letzten Teil der Reise.“ Anja Schöne hat eine Collage aus Tanz, Text und Musik gebaut, deren Ziel nicht weniger ehrgeizig ist, als das der Ameisen. Sie will den Kleinen einen Zugang zu Ringelnatz bieten, und dabei auch Erwachsene ansprechen.

Die beiden Spielerinnen spüren mit Körper und Stimme dem herrlichen Un-Sinn nach, mit dem der Autor seine Poesie gewürzt hat: „Ich würde Dir ohne Bedenken / Eine Kachel aus meinem Ofen schenken.“ Sie machen sich auf eine Abenteuerreise durch dessen Werk, kommen aber leider nicht an. Das Erreichen von „Wunderland“ nach einer Stunde Ringelnatzanalyse ist reine Behauptung.

Zu fragmentarisch ist die Inszenierung, als dass das junge Publikum folgen könnte. Die erste halbe Stunde klingt nach Schwitters Ur-Sonate, dann erst wird ein zusammen hängender Text rezitiert. Der entfaltet aber sofort eine zündende Wirkung, was vor allem den Performern zu verdanken ist: Sie tanzen, springen und singen, bauen Landschaften aus den Koffern und imitieren leidenschaftlich infantil das umfangreiche tierische Ringelnatz-Personal. Wenn Kramer und Städler aus einer riesigen Folie den rauschenden Ozean zaubern wird es plötzlich ganz still vor kindlicher Begeisterung.

Aber leider hat die Regie ihnen verwehrt, eine nachvollziehbare Geschichte zu erzählen, und die expressionistische Textperformance stiftet Verwirrung. Assoziativ huschen sie durch die hintersinnige Poesie, streifen bekannte Passagen, überlassen das Erkennen und vor allem das Wirken der Originaltexte aber überwiegend den Kennern. Das junge Publikum soll offenbar alles andere als unterfordert werden. Aber spätestens zur Halbzeit gleitet die anfängliche Spannung hinüber in Unruhe, Handydisplays leuchten auf. Die Beteiligung der Kinder beschränkt sich auf das Verdauen der nur scheinbar leichten Kost.

Die Suche nach Ringelnatz´ Wunderland gerät so zur Irrfahrt, die nicht ohne Reiz ist. Zitat: „Ich möchte mich treiben lassen / in Welten, die nur ein Fremder sieht.“ Wer den Autor kennt, erlebt eine ambitionierte Spurensuche. Für viele kleine Theaterinteressierte aber bleibt dieser Poet leider ein Fremder.

Erschienen in der Novemberausgabe von akt. Die Kölner Theaterzeitung

Hamlet, eiskalt.

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Das "Theater am Sachsenring" in Köln zeigt „Hamlet“.

Dänemark steht Kopf. Der König ist tot. Ein Schlangenbiß, sagt man. Seinen Platz an der Seite der Königin Gertrud nimmt ausgerechnet dessen Bruder ein, der machtgierige Claudius. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Zumindest der junge Prinz Hamlet tut es. Die Erscheinung seines toten Vaters, die Claudius als seinen Mörder nennt, bringt die Geschichte ins Rollen: Hamlet mimt den Wahnsinnigen, um Claudius zu entlarven: er lässt Schauspieler den Tathergang spielen. Claudius zeigt sich ertappt und überführt sich selbst. Am Ende wird gefochten, vergifteter Wein und vergiftete Klingen werden durcheinandergebracht, und alle sterben. Das zu engmaschig gewobene Intrigennetz rafft sie alle dahin.

Regisseur Joe Knipp hat sich ein schönes Bild für den aus der Ordnung gerückten Staat einfallen lassen: mannshohe Holzrahmen stehen, liegen oder kippen auf der Bühne – mal Halt, mal Hindernis. Aufrecht stehend bilden sie Tore und Gemächer, gestapelt werden sie zu Podesten, Särgen, Wällen. Es gibt nichts festes und fixes in diesem Dänemark. Und jede Figur versucht, ihre ganz eigene Ordnung herzustellen. Wunderbar die Szene, in der Ophelia ein wildes Raumkonstrukt zu errichten versucht, dass ihr Vater Polonius gleich wieder in biedere Ordnung zurückbaut.

Spielerisch bietet die Inszenierung einen spannenden Zugang zum Innenleben des desperaten Prinzen. Als Schutz gegen die Heuchelei hat Hamlet (David N. Koch) sich einen grenzenlosen Zynismus zugelegt. Wo alle versuchen in die Normalität zurück zu finden, könnte er nur kotzen. Koch serviert ihn als trockenen Existentialisten. Seine Liebe zu Ophelia ist oberflächlich, sein Freund Horatio ein Weichei, seine gefühlsduseligen Ausbrüche aufgesetzt – nicht einmal Verzweifeln will dem grimassierenden Jüngling gelingen. Das ist spannend, allerdings wird Hamlet zu einem altklugen Nihilisten, der den Tod herbeisehnt: „der Rest ist Schweigen“ – endlich, meint man ihn zu verstehen.

Der Gegenpol dazu ist seine Mutter. Königin Gertrud (Katja Gorst) erscheint in Rock und BH, lebens- und liebessüchtig wirft sie sich mal ihrem Sohn, mal dem Gatten an den Hals, und wird von der Kluft zwischen beiden schier zerfetzt. Gorst zeigt in dieser und weiteren Rollen mit minimalem Aufwand einen berührenden Facettenreichtum. Ihr volltrunkener Totengräber ist der Beweis dafür, dass Shakespeare eigentlich keine Nebenrollen geschrieben hat, sondern nur welche mit weniger Text.

Max Hellers Claudius ist ein aalglatter Karrierist, als toter König allerdings etwas zu sehr Schlossgespenst. Signe Zurmühlen spielt Ophelia wunderbar kindlich. In der Rolle des Laertes hätte die Regie sie aber vor dem holzschnittartigen Habitus eines jungen Rüpels schützen sollen.

In einigen tollen Momenten spielt das kleine Theater mit seinen Limitierungen: Wind und Herzklopfen und andere Geräusche werden von den Spielern produziert, und wenn Hamlet Nachtwache hält lassen die Kolleginnen seinen Mantel flattern wie eine Windmaschine. An anderen Stellen bricht der Ton in überdimensionierten Pathos aus. Weniger wäre hie und da mehr gewesen. Oder wie Hamlet es sagt: „Eurer Leidenschaft müßt Ihr Euch eine Mäßigung zu eigen machen, die ihr Geschmeidigkeit gibt.“

Erschienen in der Novemberausgabe von akt. die Kölner Theaterzeitung

Fast Forward Faust

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Das "Theater im Bauturm" Köln zeigt „Faust – Der Tragödie erster Teil“ in der Regie von Jörg Fürst.

Der Druck muss hoch sein. Wer heute “Faust“ inszeniert – diesen Mythos des deutschen Theaters – muss sich messen lassen. Dabei reicht das Spektrum von Peter Steins 22-stündiger Gewalttat zur Expo 2000 bis zu der von Nicolas Stemann aufpolierten Goethe-Hommage bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, die immerhin noch knapp 10 Stunden dauerte (wohlgemerkt beide Male Faust I & II). Jörg Fürst hat sich mit Teil eins beschieden und nimmt sich im Bauturm dafür nur 90 Minuten. Das geht. Wie das geht? Tempo.

Der Hauptdarsteller in Fürsts Spielfassung ist der Text. Der wird allerdings nicht als Heiligtum zelebriert wie einst Stein es tat, im Gegenteil – Goethes Sprache wird auf eine harte Probe gestellt. Gespielt wird wenig. Fürst baut dynamische Tableaus der Protagonisten und arbeitet größtenteils mit Raumlinien, Verdichtung und Dehnung von Personenkonstellationen, und immer ganz nah am Text. Das fünfköpfige Ensemble beginnt den Abend mit einem sprachlichen Parforceritt durch die zu Ikonen aufgeblasenen Aphorismen: „Habe nun, ach!“, „Da steh ich nun, ich armer Tor“, „Verweile doch! Du bist so schön!“. Faust (Christof Hemming) steht an der Rampe, hinter sich der Chor mit Textbüchern. Wie ein Maschinengewehr feuern die Akteure diese klassische Bleiwüste dem Publikum chorisch um die Ohren. Mann muss schon sehr fix sein um oben genannte Passagen heraus zu hören.

Es wirkt so, als hätte Faust selbst sein tausendfach wiederholtes Lamento über das Leid des unendlich Gelehrten selbst so satt, dass nur ein „fast forward“ bis zum Auftritt von Mephisto (Andreas Spaniol) hilft. Die Spieler (neben Hemming und Spaniol noch Tina Amon Amonsen als Gretchen, Azizé Flittner als Marthe und Maximilian Löwenstein als Wagner und Valentin) bewältigen die Uptempo-Tragödie mit Bravour und schaffen es, in atemberaubender Geschwindigkeit Sinn und Verstand dermaßen präzise zu liefern, dass einem der Atem stockt. Das synchrone Umblättern der Wort-Partitur erinnert ein bisschen an das Herunterzählen von Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ in der Inszenierung von Karin Beier. Seite um Seite werden abgearbeitet und die Worte – fast ganz vom Ballast einer mimetischen Interpretation befreit – entfalten einen ganz puren Glanz.

Kostüm und Bühne sind schlicht, treten fast in den Hintergrund, und stützen doch den Text durch Reduktion auf das Nötigste: zwei Lautsprecher-Boxen für den wummernden Soundtrack, ein Guckloch in der Bühnenrückwand als Fenster in Gretchens anfängliches Kirchen- und Familienidyll, aus dem Faust & Mephisto sie bald herausgerissen haben. Hexenküche, Auerbachs Keller und Walpurgisnacht werden mit modernster Videotechnik dargestellt: über die Körper der Protagonisten laufen laserscharf projizierte Textfragmente und Bildgewitter, ein bühnenfüllendes Gitternetz aus Licht führt den Zuschauer in Gretchens Kerkerhaft.

Die Spieler müssen sich der Schlankheit der Inszenierung fügen, und doch dürfen sie in perfekt gesetzten Momenten zeigen was sie können. Besonders eindrücklich ist die kurze Szene zwischen Gretchen und ihrem Bruder Valentin, der ihr die Folgen der unehelichen Schwangerschaft in den schlimmsten Farben ausmalt und sie brutal über die Bühne treibt. Maximilian Löwenstein entfacht mit wenigen Worten einen Furor, der dem Publikum das Blut gefrieren lässt. Ein schnelles „Stoß zu!“ von Mephistopheles zu Faust reicht und Valentin stirbt durch die zwei Worte – sie zu bebildern ist schlicht nicht nötig.

Andreas Spaniols Mephisto tritt ab und zu aus diesem Wirbelsturm heraus, als könne er die Zeit, die Faust gnadenlos verrinnt, verlangsamen. In diesen Momenten blitzt das verspielt Diabolische in diesem Schmeichler auf, und Fürst lässt Raum für den Sprachwitz, den Spaniol glänzend bedient. Mephisto hat sichtlich Freude am Verführen, Umgarnen und Verderben. „Der Teufel ist ein Egoist“ sagt Faust.

Diese Aufbereitung eines mehr als bekannten Stoffes verbindet Goethes Universalparabel mit herausragendem künstlerischen und technischen Handwerk. Schlicht, bestechend, eindringlich.

Erschienen in der Oktoberausgabe von akt – Die Kölner Theaterzeitung

Salzburg 2011

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Es ist viel Zeit vergangen und viel viel Arbeit liegt hinter mir. Das vergangene halbe Jahr war geprägt von multipler Auftragslage – was toll war, aber auch sehr anstrengend: eine Produktionsassistenz bei Hofmann&Lindholm, Nachrichtensprechen beim Deutschlandradio, ab und an Kritiken für die Theaterzeitung und unterrichten an der Schauspielschule (herzlichen Glückwunsch an die frisch gebackenen Absolventen und toi toi toi für die ZAV!).

Knall auf Fall war am vergangenen Donnerstag alles vorbei und nach einem atemlosen Tag (fast) ohne Termine hab ich mich gestern früh hinters Steuer geklemmt und bin nach 8 Stunden im schönen sommerlichen Salzburg angekommen, wo ich meinen Sommer verbringen werde.

Ich spiele eine der drei Hexen in Shakespeares Macbeth. Allerdings in der Opernfassung von Verdi, die Regie führt Peter Stein, dirigiert werden die Wiener Philharmoniker von Riccardo Muti.

Das wird eine Mischung aus hochkartätiger Arbeit und Urlaub, im Puppenstübchen Salzburg mit seiner knapp 2.000 Zuschauer fassenden Bühne der Felsenreitschule.

Heute auf dem Programm: Probe erster Akt mit den Hexen, den 45 Damen vom Wiener Staatsopernchor und den Solisten, das alles auf der Megabühne Felsenreitschule.

Und natürlich Peter Stein.

Hammer.

2011

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noch ist ZeitUnd ich dachte schon, ich würde nie wieder was bloggen.

 

Der letzte Eintrag ist vom 2. Juni diesen Jahres, also ein gutes halbes Jahr alt. Immerhin bin ich auf dem Theaterblogs-Ranking immer noch auf Platz 3. Claudia und Heinz, ich bin wieder da! :-)

Über ein Jahr ist unsere Tochter jetzt alt und da gab es natürlich wichtigeres, als nachts am Rechner zu sitzen und über die Lage der Kölner Theaterszene o.ä. zu bloggen.

Aber vielleicht gelingt es mir ja in Zukunft, das mal wieder auf zu nehmen, nachdem ich manches mal schon dachte: mach doch den Blog einfach zu. Quatsch.

So, zur Tagesordnung.

Ich habe ja erfahren, das selbstreferenzielle Beiträge nicht gerade dazu beisteuern, den Blog zu promoten. Aber in guter selbstreferenzieller Tradition gibt es mal wieder einen

Stand der Dinge:

Es ist das erste mal in meiner Berufslaufbahn, dass ich in einer Art regelmäßigem Arbeitsverhältnis stehe. Als fester Freier Mitarbeiter bin ich seit November ein Mitglied des Sprecherensembles des neuen Internetsenders vom Deutschlandradio:Dradio Wissen. Unter http://wissen.dradio.de kann man den Stream erreichen. Schaut doch mal rein. Im Dezember spreche ich noch am 13., 21. und 27. die Nachrichten zwischen 18 und 23 Uhr, im Januar dann am 3., 14., 20. und 25.1. zur selben Uhrzeit.

Neben diesem Job unterrichte ich weiterhin an der Theaterakademie Köln Erzählen und Theatertheorie.

Als Drittes Standbein schreibe ich weiterhin für die Kölner Theaterzeitung akt. Großartigerweise hat dieses tolle aber wirtschaftlich arg gebeutelte Blatt jüngst den Kölner Ehrentheaterpreis bekommen!

Auszug aus der Laudatio von Angie Hiesl:

"Der zehnte Kölner Ehrentheaterpreis 2010 geht somit zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht, wie bisher, an eine Person bzw.Personen, sondern an eine Idee und ihre Umsetzung: an akT! [...] Das bundesweit einmalige Modell geht auf eine gemeinsame Initiative der Plattform Kölner Theater und der Kölner Theaterkonferenz zurück. Einmalig ist, dass Theater- und Tanzschaffende einer Stadt eine Zeitung ins Leben gerufen haben, diese auch mitfinanzieren, die Realisation aber einer unabhängigen Redaktionüberlassen. Somit wird eine Berichterstattung gewährleistet, auf die die Kunstschaffenden selbst keinen Einfluss ausüben. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit ist explizit erwünscht.akT als eines der wichtigsten Informationsmedien für die darstellende Kunst in Köln – die städtische und die freie Szene gleichermaßen vertretend – versteht sich als Forum für Diskussion, als Magazin, das ambitioniert informiert, kritisiert und anregt, den Kunstschaffenden, aber auch der Politik genau auf die Finger schaut, Fragen stellt und zu gegebenem Zeitpunkt auch den Finger in die wunden Stellen legt."

Quelle: theaterzeitung-koeln.de

Mit den Theater-Laboranten Hannah Hofmann und Sven Lindholm habe ichvor 2 Jahren ein Stück gemacht. Damals war ich Performer auf ihrer Bühne, im kommenden Jahr werde ich wieder mit ihnen arbeiten, diesmal hinter den Kulissen, was mich total freut. Ich liebe Ihren hochintelektuellen und dabei so unglaublich lebendig-liebevollen Ansatz, den Menschen in den Kopf, aufs Herz und auf die Finger zu schauen. Was es wird soll an dieser Stelle noch lange nicht stehen. Nur soviel sei verraten: es wird etwas noch nie dagewesenes sein.

Genug von mir.

Für jetzt.

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