
Die Krise ist allgegenwärtig. Jeder beschreit, ja beschwört sie geradezu, um Missstände anzuprangern und eigene Versäumnisse zu kaschieren. Die Krise ist schuld an…allem. Die Wirtschaftskrise. Präziser: die Finanzmarktkrise. Und da haben wir den Salat.
Es geht halt einfach nur um Geld. Das ist kein sonderlich neuer Hut, ich weiß. Aber dass macht ihn noch lange nicht bequemer auf dem Haupte. Denn gerade in den wirtschaftlich schwierigen Tagen unserer Zeit verfällt der Mensch in heillose Panik, denn die Märkte spielen verrückt. Die Märkte. Auch so ein Wort, dass wir einfach so benutzen und je nach Kontext anpassen, ohne der "Vermarktung" unseres Lebens wirklich gewahr zu werden. Wenn alles aus dem Ruder läuft dann muss Geld her, damit sich "die" Märkte wieder stabilisieren. So sagt man. Und was tut der Bürger? Er (oder Sie, jaja…) hält maulaffenfeil und lässt sich von den Hütern sozialstaatlicher Ordnung das Leben kleinreden, indem diese alles auf ökonomische Maßstäbe reduzieren. Und mit Fachvokabular nur so um sich werfen. Und damit meine ich auch den Term "Markt". Denn das klingt so schön harmlos nach dem Wochenmarkt in der Kleinstadt am Mittwochmorgen, wo man von seinem Biobauern beim überteuerten Demetergemüsekauf noch persönlich angesprochen wird (Parenthese: auch so ein Fall: was gut für uns ist MUSS teuer sein, sonst wirkt´s nicht!). Was "Markt" aber auch meint ist viel mehr: Der Markt ist der Ort, wo sich Angebot und Nachfrage begegnen. So einfach so gut. Aber aus "dem Markt" sind längst "die Märkte" geworden, auf denen unser Schicksal verhökert wird in der Form dessen, was man handgreiflich auf den Tisch knallen und mit einem Preisschild versehen kann. Was nicht in die Auslage pass - gibt es nicht. Und Bürger nimmt dass erstmal hin, denn die Wirtschaft ist der große Gleichmacher unserer Zeit, und wenn es der erstmal wieder besser geht Parenthese2: und dafür müssen WIR ALLE unseren Beitrag leisten!), dann wird auch unser kleiner Mann auf der Straße wieder was zu rauchen haben. Wir geben unsere Verantwortung in die Hände des Kommerz. Und wissen nicht was genau wir damit tun:
"Besitz und Bildung, so hieß es früher, machten den Bürger aus. Im Verlauf des rasanten Aufstiegs zur globalen Industriezivilisation hat dieser Bürger Entscheidendes an humanen Qualitäten und kulturellen Orientierungen, also an echter Bildung, hinter sich gelassen. Angeblich überholt und bedeutungslos, sind diese Werte als lästiges Gepäck abgelegt worden und aus seinem Blickfeld verschwunden. Diesem „Schwund“ steht eine sich drastisch verstärkende Neigung zu Geldwerten gegenüber. Das Ergebnis dieser Entwicklung, der beschleunigte Fall(…) unserer Gesellschaft heraus aus einer selbstbewussten Menschlichkeit, ist hier das Thema. Es sind Stichworte zur wachsenden Inkompetenz dieser auf Kultur und Bildung als Korrektiv weitgehend verzichtenden Gesellschaft."
Quelle: humane-wirtschaft.de
Georg Simmel beschreibt es in seinem Hauptwerk "Philosophie des Geldes" den Zusammenhang (oder besser das Fehlen desselben) als objektive und subjektive Kultur. Die objektive Kultur ist all dass, was die Menschheit seit Anbeginn an Wissen und Fertigkeit und Transzendenz aufgebracht hat. Die subjektive Kultur dagegen ist das, was das Individuum aus diesem Wissensschatz abzurufen in der Lage ist. Und hier sah Simmel schon im Jahre 1900 die Schere gewaltig klaffen. Wir haben nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Umwelt. Und daher übergeben wir uns in die Hände derer, die vorgeben sie zu besitzen. Und weil erst das Fressen kommt und dann die Moral deutet uns das Geld den Weg durch das Universum.
Und das Ergebnis ist der Verzicht auf das nicht-quantifizierbare, das wie auch immer transzendente, para-psycho-theo-you-name-it, aber nicht Markttaugliche unserer Existenz. Der Soziologe Friedrich Jonas beschrieb das bereits (oder erst?!) 1960 so:
„Wie die Natur als ein abstraktes System gleichwertiger Bewegungsabläufe begriffen wird, so auch die Gesellschaft,deren Werte, Antriebe und Potenzen auf einen quantitativen Ausdruck gebracht werden, um so verrechnet werden zu können. … Die Quantität hat diese entscheidende Bedeutung: In ihr werden die Dinge von allen übernatürlichen Bindungen befreit, und in den reinen Unterschied gebracht,der die Weise ist, in der das Selbstbewusstsein sich selbst ursprünglich erfährt. Die Quantifizierung und Messung der Dinge breitet sich aus als ein System von Nützlichkeiten, in dem die Unmittelbarkeit der Vernunft (Natur) aufgehoben und die Brauchbarkeit dieser Welt für das Subjekt hergestellt wird. … Die allgemeine Rechenhaftigkeit und Quantifizierung dient dazu, die Kausalzusammenhänge herzustellen, in denen die Objekte in das System der allgemeinen Nützlichkeit eingeordnet werden. In diesem System der Nützlichkeit gibt sich das Selbstbewusstsein seine Wirklichkeit. Die Formel, dass die Welt auf den Kopf gestellt worden sei, drückt in Kürze den hier erfolgten Umschlag aus, nach dem sich das Selbstbewusstsein nicht mehr als endliche Gewissheit eines Unendlichen, sondern als das unendliche Maß aller Gegenständlichkeit erfährt.“
Quelle: humane-wirtschaft.de
Man kann diese zunehmende Vergegenständlichung unserer Lebenswelten beklagen oder sie sich packen und wie wir Künstler das so gerne tun verwursten. Oft genug geschehen - und das ist auch gut so.
Aber ich komme immer öfter an den Punkt der Erkenntnis, dass auch die lieben KollegInnen Theatermenschen sich der Verwirtschaftlichung hingeben. Um das klar zu machen: ich bin kein Verfechter des althergebrachten Armer-Künstler-Klischees. Ich will gutes Geld für Gute Arbeit. Aber ich will in erster Linie gute Arbeit - die dann entsprechend entlohnt wird. Was ich nicht möchte ist gutes Geld - und was wir als Gegenleistung an Kunst produzieren könnten dass schaun wir mal. Das ist alte Zeit der Auftragskunst. Heute nennt man das dann Kunsthandwerk. Hat seine Berechtigung. Interessiert mich aber nicht. Was mich interessiert ist die Kunst, die nicht aus geschäftlichen Erwägungen heraus produziert wird. Hier passt ein schönes Zitat eines deutschen freien Theatermachers als Kommentar zu einem meiner Blogbeiträge:
"Ich möchte gern mit den Leuten ins Geschäft kommen. Das ist für mich auch ein Anspruch zur Professionalisierung und auch Kommerzialisierung. "
Natürlich verstehe ich - oder meine das zumindest zu verstehe - wohin die Überlegung führt bzw. aus welchem Armuts-Überdruss und Minderwertigkeitskomplex dieses Zitat entstammt. Aber diese Geisteshaltung finde ich bedenklich. "Kommerzialisierung", Theater als "Geschäft"?
Theater braucht keine Gegenleistung. Es braucht Publikum. Und wer von meinen geschätzten ManagementkollegInnen jetzt einwendet, dass der Zuschauer ja selbst wenn er oder sie das Ticket geschenkt bekäme allein durch den Zeitaufwand einen Gegenleistung erbringe, dem sage ich: Das meine ich nicht. Ich rede von einer Geisteshaltung, die sich den quantifizierbaren Sphären entzieht. Bewusst entzieht und dadurch riskant und unberechenbar bleibt. Machen wir nicht den gleichen Fehler wie die Gesellschaft des 2. Jahrhunderts. Nehmen wir Marketing als Werkzeug um in Kontakt zu treten und unsere Standpunkte nach außen zu tragen. Nehmen wir Marketing nicht als Ausgangspunkt des Seins.
Ansonsten schmiert der Mensch ab.
Arnold Gehlen sah es sinngemäß so:
"Das Resultat der menschlichen Tätigkeit ist Kultur. Jede Kultur bildet nun aus der Vielzahl möglicher menschlicher Verhaltensweisen bestimmte als gesellschaftlich sanktionierte Muster heraus: die Institutionen. Wozu aber existieren Institutionen? Warum legt sich der Mensch das Joch der Zivilisation auf? Warum unterwirft er sich äußeren Gesetzen? Gehlen beantwortet diese Fragen, indem er darauf verweist, dass ein derart „riskiertes“ und „nicht festgestelltes“ Wesen wie der Mensch die Institutionen braucht, um sein Verhalten zu stabilisieren und seine Existenz zu stützen. "
Quelle: Andre Fischer
Also brauchen wir scheinbar Institutionen die uns den Weg weisen. Aber wenn der Mensch sie braucht sollte der Künstler sie anzweifeln und zur Positionierung zwingen. Damit sie dem Menschen wirklich nutzen können. Und nicht dem Geld.